Schlafstörungen im Zeichen des Geschlechts

Frauen sind anders schlafgestört

„Frauen leben zwar länger, dafür aber kränker“ fasst Dorothee Alfermann vom Leipziger Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung ein hartnäckiges Vorurteil zusammen.[1] Alfermann hält dem beliebten Klischee entgegen, dass Frauen keinesfalls häufiger, sondern schlicht „anders“ krank seien – eine Beobachtung, die sich anhand der Schlafmedizin problemlos bestätigen ließe: Frauen leiden bis zu 1,5 Mal häufiger unter einer Ein- und Durchschlafstörung (Insomnie). Im Gegenzug erkranken sie bis zur Lebensmitte signifikant seltener (mutmaßlich nur halb so oft) am Obstruktiven Schlafapnoe Syndrom (OSAS). Als eine von vielen potenziellen Ursachen nennt die Forschung primär die geschlechtsspezifische, unterschiedliche Kollapsneigung der oberen Atemwege, die sie zugleich für das bis zu 2,7 Mal häufigere Schnarchen bei Männern verantwortlich macht.


Terrain mit Forschungsbedarf

Wenngleich Männer definitiv häufiger von einer Schlafapnoe betroffen sind, mehren sich in den letzten Jahren Hinweise darauf, dass das OSAS bei Frauen verbreiteter ist als bislang angenommen: Vor allem sehr korpulente und postmenopausale Frauen bilden das Syndrom öfter aus, als es bisherige Studien spiegelten. Dennoch wird die Erkrankung oft übersehen, bzw. fehldiagnostiziert und -therapiert, weil eine Schlafapnoe bei Frauen abweichende Symptome ausbilden kann: Merklich häufiger als bei Männern steht eine Depression im Vordergrund (35 Prozent vs. 20 Prozent/Männer) sowie eine Ein- und Durchschlafstörung (30 Prozent vs. 15 Prozent/Männer). Statt Frauen eine vertiefende, die Schlafapnoe bestätigende Diagnostik angedeihen zu lassen, werden sie oft vorschnell mit Schlafmitteln oder Antidepressiva behandelt.

Großer Forschungsbedarf herrscht zudem hinsichtlich der Frage, warum Frauen gründsätzlich öfter eine Insomnie entwickeln. Manche Forscher/innen werten die bis heute gültige Doppelbelastung von Familie und Beruf als Auslöser. Wissenschaftlich belegt ist diese These nicht. Dass Frauen ein 1,5 – 2-Mal höheres Risiko besitzen, am Syndrom der ruhelosen Beine zu erkranken, kann indes auf das besonders verbreitete Auftreten während der Schwangerschaft zurückgeführt werden. Bei den anderen Hauptgruppen der Schlafstörungen, die mit erhöhter Tagesmüdigkeit einhergehen, z.B. bei der Narkolepsie oder der idiopathischen Insomnie, wurde bisher kein geschlechtsspezifischer Unterschied sondiert.


[1] Alfermann, Dorothee: Psychosoziale Einflussfaktoren. S. 71. In: Riecher-Rössler, Anita / Bitzer, Johannes (Hg.): Frauengesundheit. Ein Leitfaden für die ärztliche und psychotherapeutische Praxis. München, Jena. 2005, S. 71-82


Zurück zur Hauptseite